KennzahlenKI-Sicherheit messen und berichten.
Wer KI-Sicherheit berichtet, muss zuerst sagen, was sich nicht messen lässt. Die Seite bietet ein Kennzahlenset mit Definition und Nachweis, Frühwarnindikatoren mit Schwellen, ein Beispiel-Befundregister, eine Berichtsseite «KI-Lagebild» für Geschäftsleitung und Verwaltungsrat mit ausgefülltem Beispiel sowie eine Evidenzliste für die Revision. Alle Zielwerte und Beispieldaten sind erfunden.
Rechtsstand: 12. Oktober 2026. AI Act in der Fassung der Verordnung (EU) 2026/1744. EU-Recht, für Schweizer Unternehmen nur bei EU-Bezug nach Art. 2 AI Act anwendbar. Zielwerte und Schwellen sind Beispiele und aus dem eigenen Risikoappetit abzuleiten.
Was sich nicht
messen lässt.
Das NIST AI RMF (AI 100-1, Abschn. 1.2.1) benennt Messprobleme ausdrücklich. Was nicht gemessen wird, ist deshalb weder hoch noch tief, sondern unbekannt: Die Unmöglichkeit, ein KI-Risiko zu messen, sagt nichts darüber, wie hoch es ist. Für das Reporting heisst das: Lücken offen ausweisen, statt sie mit einer Zahl zu füllen. MEASURE 1.1 sieht vor, nicht messbare Risiken zu dokumentieren. Das NIST AI RMF warnt ausserdem, dass Messansätze zu stark vereinfacht oder gezielt ausgenutzt werden können und dass sich Beteiligte unerwartet auf sie verlassen.
Wird eine Kennzahl zum Ziel, verliert sie ihre Aussagekraft: Menschen richten ihr Verhalten auf den Wert aus statt auf das, was er anzeigen sollte. Der Effekt ist nach dem Ökonomen Charles Goodhart benannt, die verbreitete Kurzform stammt von Marilyn Strathern. Beispiele: Soll die Zahl der Vorfälle sinken, werden weniger Vorfälle gemeldet. Soll der Anteil offener Befunde sinken, werden Befunde vorschnell geschlossen oder tiefer eingestuft. Soll das Inventar zu 100 % stimmen, werden Systeme ohne geklärten Owner eingetragen. Soll der Test bestanden werden, wählt das Team einfache Testfälle.
Dagegen helfen Kennzahlen im Paar (Menge und Qualität, zum Beispiel geschlossene Befunde und Anteil bestandener Nachprüfungen), Stichproben durch eine unabhängige Stelle, dokumentierte Änderungen der Definitionen und der Verzicht darauf, Zielwerte an die persönliche Vergütung zu koppeln. Das sind fachliche Empfehlungen von STOP.LI.
Warum es
so ist.
Die Messgrenzen haben Ursachen. Wer sie kennt, kann im Bericht begründen, warum eine Zahl fehlt oder nur mit Vorbehalt gilt.
| Grund | Was dahintersteckt | Folge für das Reporting |
|---|---|---|
| Probabilistisches Verhalten | Dieselbe Eingabe kann unterschiedliche Ausgaben ergeben. Ein Test zeigt ein Verhalten, nicht alle möglichen. Das NIST AI RMF nennt inhärente Unsicherheiten von KI-Systemen als Quelle von Intransparenz. | Ergebnisse als Häufigkeit mit Anzahl Versuchen angeben, nicht als «bestanden». |
| Fehlende Grundgesamtheit und Basisrate | Die Zahl aller Angriffsversuche, Fehlausgaben oder nicht gemeldeten KI-Nutzungen ist unbekannt. Gemessen wird nur, was erkannt wird. «Keine Vorfälle» kann heissen: keine bemerkt. Wo KI Menschen ersetzt, fehlt zudem ein Vergleichswert (NIST: Human baseline). | Erkannte Fälle nie als Anteil «aller» Fälle darstellen; Erkennungsfähigkeit als eigene Aussage ausweisen. |
| Unbekanntes bleibt unbekannt | Neue Angriffsarten und Fehlerbilder lassen sich erst messen, wenn jemand sie kennt. Das NIST AI RMF empfiehlt, neu auftretende Risiken zu erkennen, zu verfolgen und Techniken zu ihrer Messung zu erwägen (Tracking emergent risks). | Szenarioübungen und externe Lageberichte ergänzen die Zahlen. |
| Testabdeckung ist nicht Sicherheit | Eine Quote getesteter Systeme sagt, dass geprüft wurde, nicht dass das System sicher ist. Ein Test findet nur, wonach gesucht wird. Labormessungen weichen zudem von Risiken im Betrieb ab (NIST: Risk in real-world settings). | Abdeckung und Befunde zusammen berichten; Testumfang und Methode nennen. |
| Verzögerte Schäden | Manche Risiken sind zum Zeitpunkt der Messung latent und wachsen, wenn sich das System verändert (NIST: Risk at different stages of the AI lifecycle). Vergiftete Daten oder schleichender Qualitätsverlust zeigen sich spät. | Frühindikatoren (KRI) und Drift-Überwachung statt nur Schadenszahlen; Messung in festen Abständen wiederholen. |
| Kontextabhängigkeit | Dasselbe Modell hat je nach Aufgabe, Daten und betroffenen Personen andere Risiken. Das NIST AI RMF hält fest, dass der Kontext zählt und Schäden Gruppen unterschiedlich treffen können. | Werte nicht über Systeme mit anderem Einsatz mitteln; Kontext in der Definition festhalten. |
| Dritte und Intransparenz | Anbieter und Betreiber verwenden unterschiedliche Methoden, und der Anbieter legt seine nicht zwingend offen. Bei kaum erklärbaren Systemen bleibt auch die Messung unscharf. | Herkunft jeder Zahl angeben; Nachweise vom Anbieter vertraglich einfordern. |
Die Spalte «Folge für das Reporting» ist eine fachliche Empfehlung von STOP.LI. Die Gründe stützen sich auf die Messherausforderungen in AI 100-1, Abschn. 1.2.1, soweit der Text sie nennt; die Beispiele zu Häufigkeit, Basisrate und Testabdeckung sind Einordnung.
Acht Kennzahlen,
je mit Nachweis.
Das Set ist klein gehalten. Jede Kennzahl hat eine eindeutige Definition, eine Datenquelle und einen Verantwortlichen. Die Spalte «Beispielziel» zeigt eine mögliche Grössenordnung; sie ist keine Vorgabe und kein Branchenwert. Das NIST AI RMF (MEASURE 1.1) empfiehlt, mit den bedeutendsten Risiken zu beginnen, und MEASURE 1.2, die Eignung der Kennzahlen regelmässig zu prüfen.
| Kennzahl | Definition | Quelle und Nachweis | Beispielziel |
|---|---|---|---|
| Abdeckung Inventar | Anteil der erkannten KI-Systeme und -Funktionen, die im Inventar mit Owner und Klasse stehen, an allen erkannten (inkl. Funde aus Netzwerk, Einkauf, Abrechnung) | Inventar, Fundlisten; siehe Inventar und Klassifizierung | 100 % der Funde erfasst, Schatten-KI binnen 30 Tagen geklärt |
| Anteil beurteilter Use Cases | Anteil der Use Cases im Betrieb mit gültiger Risikobeurteilung (nicht älter als der festgelegte Zyklus, nach Auslösern aktualisiert) | Beurteilungsblätter; siehe Risikobeurteilung | 100 % für hohe Klassen, 90 % für übrige |
| Testabdeckung | Anteil der Systeme der oberen Risikoklassen mit Test oder Red-Team-Übung im definierten Zeitraum | Testberichte; siehe Testing und Red Teaming | Alle hohen Klassen jährlich |
| Offene Befunde | Anzahl und Alter offener Befunde aus Tests, Audits und Vorfällen, nach Schweregrad | Befundregister | Kritische Befunde nicht älter als 30 Tage |
| Vorfälle | Anzahl KI-Vorfälle nach Klasse, Zeit bis Erkennung und bis Eindämmung | Ticketsystem; siehe Monitoring und Incident Response | Trend statt Absolutwert; jeder Vorfall mit Auswertung |
| Drift und Qualität | Anteil der Systeme im Betrieb, deren Qualität und Eingabeverteilung gegen die Basislinie überwacht werden, und Anzahl Überschreitungen (Driftarten: Monitoring und Incident Response) | Evaluations-Pipeline, Beobachtungsprotokolle | Alle Systeme mit Basislinie; Überschreitungen binnen 5 Arbeitstagen bewertet |
| Anbieter mit Nachweis | Anteil der KI-Anbieter mit aktuellem Sicherheitsnachweis und vertraglich geregelten Pflichten | Lieferantenregister; siehe Lieferanten und Modelle | 100 % der Anbieter mit Zugriff auf vertrauliche Daten |
| Kontrollwirksamkeit | Anteil der Kontrollen aus dem Kontrollkatalog, die im Berichtszeitraum mit Evidenz geprüft und als wirksam beurteilt wurden | Kontrollprüfungen | Plan je Kontrolle; Abweichungen mit Massnahme |
Eine Kennzahl ist erst brauchbar, wenn Datenquelle, Stichtag und Verantwortliche feststehen. Dazu gehören auch die Angaben, wie ein «Use Case» gezählt wird (Funktion, System oder Anwendung); sonst sind Zeitreihen nicht vergleichbar.
KRI mit
Schwellen.
Eine Kennzahl (Key Performance Indicator, KPI) zeigt, wie gut etwas läuft oder wie weit ein Ziel erreicht ist. Ein Key Risk Indicator (KRI) zeigt, wie nahe die Organisation an die Grenze ihres Risikoappetits kommt, und soll warnen, bevor ein Schaden eintritt. Ein KRI hat deshalb immer eine Schwelle und eine vereinbarte Reaktion. Das Wort «KRI» ist ein Begriff der Risikopraxis; das NIST AI RMF verwendet ihn nicht. Es sieht aber vor, bekannte, unerwartete und neu auftretende Risiken regelmässig zu erkennen und zu verfolgen (MEASURE 3.1) und die Funktion und das Verhalten der Systeme im Betrieb zu überwachen (MEASURE 2.4).
| KPI (Kennzahl) | KRI (Frühwarnindikator) | |
|---|---|---|
| Frage | Wie gut funktioniert die Kontrolle? | Wie nah sind wir an einem unannehmbaren Risiko? |
| Blick | Zustand oder Ergebnis, meist rückblickend | Vorläufer und Entwicklung, vorausschauend |
| Massstab | Zielwert | Schwelle (Gelb, Rot) aus dem Risikoappetit |
| Folge | Verbesserung planen | Vorab festgelegte Reaktion und Eskalation |
| Beispiel | Testabdeckung 92 % | Hochrisiko-System mit Test älter als 12 Monate |
Ein guter KRI misst eine Ursache oder einen Vorläufer, nicht den Schaden selbst, und lässt sich ohne Aufwand regelmässig erheben. Die Schwellen unten sind Beispiele. Sie gehören zum Risikoappetit, siehe Risikobeurteilung.
| KRI | Beispiel Gelb | Beispiel Rot | Reaktion bei Rot |
|---|---|---|---|
| Nicht inventarisierte KI-Nutzung | Mehr als 0 Funde offen über 30 Tage | Fund mit vertraulichen Daten | Sperren bis zur Beurteilung |
| Überfällige Neubeurteilung nach Auslöser | Auslöser seit mehr als 30 Tagen unbearbeitet | Modellwechsel im Betrieb ohne Beurteilung | Änderung zurücknehmen oder Freigabe nachholen |
| Ungeprüfte Hochrisiko-Systeme | Test älter als 12 Monate | Test älter als 18 Monate oder nie | Entscheid der Geschäftsleitung über Weiterbetrieb |
| Kritische Befunde offen | Mehr als 30 Tage | Mehr als 60 Tage | Eskalation an die Geschäftsleitung, Kompensation |
| Guardrail-Treffer und Ablehnungen | Anstieg gegenüber Basislinie | Anstieg mit Hinweis auf erfolgreiche Umgehung | Vorfall eröffnen |
| Drift der Qualität | Abweichung über der tolerierten Grenze | Abweichung über der Vorfallschwelle | Fallback oder Rollback |
| Drift der Eingaben | Verteilungsabstand zur Basislinie über der tolerierten Grenze | Neue Eingabeart im Betrieb ohne Referenzfragen | Referenzfragen ergänzen, Qualität nachmessen, bis dahin menschliche Prüfung |
| Modellwechsel ohne Regressionstest | Wechsel der Modellversion erkannt, Test ausstehend | Neue Version länger als 5 Arbeitstage ohne Test im Betrieb | Auf geprüfte Version zurück oder Test nachholen |
| Abhängigkeit von einem Anbieter | Kein Ausstiegsplan | Kritischer Prozess ohne Alternative | Plan für Wechsel oder Ersatz |
Ein Beispiel
aus der Praxis.
Das Befundregister führt alle Feststellungen aus Tests, Audits und Vorfällen an einer Stelle, mit Schwere, Verantwortlichem, Massnahme, Frist und Status. Es speist die Kennzahl «Offene Befunde» und das KRI «Kritische Befunde offen». Die Tabelle zeigt einen Auszug. Alle Einträge sind erfundene Beispiele, Stand 30.09.2026. Die Spalten «Massnahme» und «Frist» sind die Zeilen der Gelb- und Rot-Punkte im Beispiel-Lagebild unten.
| ID | Quelle | Beschreibung | System | Schwere | Owner | Massnahme | Frist | Status |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| B-26-011 | Red-Team-Übung (20.07.2026) | Indirekte Prompt Injection über ein hochgeladenes PDF überschreibt Anweisungen des Assistenten | Kundenservice-Assistent | Kritisch | AI-Owner Kundenservice | Eingabe- und Ausgabefilter, Schreibrechte der Tools entziehen, Nachtest | 31.10.2026 (ursprünglich 15.09.2026) | In Arbeit, Frist verpasst |
| B-26-012 | Test (Red-Team-Übung, 20.07.2026) | Systemprompt lässt sich durch gezieltes Nachfragen auslesen; enthält keine Geheimnisse | Wissensassistent Vertrieb | Tief | AI-Owner Vertrieb | Risiko akzeptiert, Prüfung bei der nächsten Änderung | 31.12.2026 | Akzeptiert (Entscheid Risk Owner) |
| B-26-013 | Audit (interne Revision, 05.08.2026) | Keine Löschfrist für Gesprächsprotokolle des Assistenten festgelegt | Dokumenten-Zusammenfassung | Hoch | Datenverantwortliche | Aufbewahrungsregel beschliessen und technisch umsetzen | 30.11.2026 | Offen |
| B-26-014 | Change-Prozess (26.08.2026) | Neue Datenquelle im Wissensassistenten ohne Neubeurteilung eingebunden | Wissensassistent Vertrieb | Mittel | AI-Owner Vertrieb | Herkunfts- und Qualitätsprüfung, Beurteilung aktualisieren | 31.10.2026 | Offen |
| B-26-015 | Test (Regressionstest, 02.09.2026) | Qualität bei italienischen Texten fällt gegenüber der Basislinie ab | Übersetzungsdienst | Mittel | AI-Owner Kommunikation | Rückfall auf die vorherige Modellversion bis zum Nachtest | 20.10.2026 | Wartet auf Anbieter |
| B-26-016 | Audit (Lieferantenprüfung, 10.09.2026) | Kein aktueller Sicherheitsnachweis des Anbieters der Transkriptionsfunktion | Transkription | Hoch | Leitung Einkauf | Nachweis anfordern, sonst Vertragsänderung oder Ersatz prüfen | 14.11.2026 | Offen |
| B-26-017 | Audit (Lieferantenprüfung, 15.09.2026) | Kein Ausstiegsplan für den Hauptanbieter; Kundenservice ohne Alternative | Kundenservice-Assistent | Hoch | Leitung IT | Ausstiegsplan erstellen, Alternative testen | 31.01.2027 | Offen, Mittel beantragt |
| B-26-018 | Jahresplanung Tests (15.09.2026) | Letzter Test des Systems vor 14 Monaten; Nachtest fehlt | Bonitätsvorprüfung | Mittel | Leitung Security | Nachtest durchführen | 30.11.2026 | Offen |
| B-26-019 | Vorfall (22.09.2026) | Antwort nannte eine veraltete Vertragsbedingung; Quelle war ein nicht mehr gültiges Dokument im Index | Wissensassistent Vertrieb | Mittel | AI-Owner Vertrieb | Index automatisch aktualisieren, Quellenangabe in der Antwort | 15.11.2026 | In Arbeit |
| B-26-020 | Netzwerkanalyse (24.09.2026) | Browser-Erweiterung mit KI-Funktion sendet Kundendaten an einen nicht inventarisierten Dienst | Nicht inventarisiert | Hoch | Leitung Security | Beurteilen, Liste freigegebener Erweiterungen einführen | 30.10.2026 | Gesperrt, Beurteilung offen |
Lesehilfe: B-26-011 ist seit 72 Tagen offen und damit im Beispiel-KRI «Kritische Befunde offen» auf Rot (über 60 Tage). Ein akzeptierter Befund bleibt mit Begründung und Ablaufdatum im Register, damit er nicht stillschweigend verschwindet. Sinnvolle Pflichtfelder: eindeutige ID, Quelle mit Datum, Schwere nach festgelegter Skala, namentlich benannter Owner, Frist, Nachweis des Abschlusses. Die Spalten sind eine Empfehlung von STOP.LI.
Das KI-Lagebild
für das Board.
Eine Seite, quartalsweise, im Format des bestehenden Sicherheitsberichts. Das Board Security Briefing und der CISO-Monatsbericht liefern das Gefäss. Das KI-Lagebild ergänzt sie um diese Blöcke:
| Block | Inhalt | Entscheidung |
|---|---|---|
| 1. Gesamtbild | Ampel je KRI, Trend zum Vorquartal, ein Satz Einschätzung | Keine; Kenntnisnahme |
| 2. Bestand | Anzahl KI-Systeme nach Risikoklasse, Veränderung, Abdeckung Inventar | Ist der Bestand vollständig genug? |
| 3. Abweichungen vom Risikoappetit | Rote KRI mit Massnahmenblock (Ursache, Massnahme, Owner, Frist, Erfolgskriterium) | Mittel freigeben, befristet akzeptieren, einschränken oder stoppen |
| 4. Vorfälle und Beinahe-Vorfälle | Anzahl, Schwere, gemeldete Fälle, Erkenntnisse | Zusätzliche Mittel oder Vorgaben? |
| 5. Anbieter und Konzentration | Kritische Anbieter, Ausstiegspläne, Änderungen bei Modellen | Strategische Abhängigkeit tragbar? |
| 6. Messgrenzen | Welche Risiken werden nicht gemessen und warum | Ist die Lücke tragbar? |
| 7. Regulatorischer Ausblick | Nur Änderungen mit Wirkung auf das Unternehmen; Fristen im Fristenkalender | Budget und Priorität |
Regel für die Seite: höchstens eine Seite, Zahlen mit Stichtag und Definition, jede rote Zeile mit Entscheid. Zahlen ohne Quelle gehören nicht ins Lagebild.
| Ampel | Pflicht im Lagebild | Wer entscheidet |
|---|---|---|
| Rot | Massnahmenblock mit allen Pflichtfeldern und ein Entscheid. Grundsatz: kein Rot ohne Massnahme und Entscheid. | Board |
| Gelb | Eine Zeile mit Massnahme, Owner und Frist; Details im Befundregister. | Management |
| Grün | Nur der Wert. | Keine Entscheidung nötig |
Der Massnahmenblock hat feste Felder: Ursache, Sofortmassnahme (bereits erledigt), Massnahme, Owner und Frist, Erfolgskriterium (an welchem KRI-Wert die Wirkung gemessen wird), Entscheid ans Board, Eskalation und Befund-ID. Der Entscheid ist genau eine von drei Optionen: Mittel freigeben, Risiko befristet akzeptieren (mit Ablaufdatum und Akzeptant) oder Nutzung einschränken oder stoppen. Wird eine Frist verpasst, ist der Punkt automatisch Traktandum der nächsten Sitzung. Das ist eine Empfehlung von STOP.LI.
Das folgende KI-Lagebild ist ein erfundenes Beispiel für ein fiktives Unternehmen, die «Beispiel Handels AG». Stichtag 30.09.2026, Bericht Oktober 2026. Die Werte sind plausibel gewählt, aber keine Branchenwerte und keine Messungen. Die Ampeln folgen den Schwellen der KRI-Tabelle oben.
| Bereich | Ampel | Kernzahl |
|---|---|---|
| Inventar | Rot | 23 von 25 erkannten Systemen erfasst (92 %); 2 Funde offen, einer davon mit vertraulichen Daten |
| Befunde | Rot | 11 offen, davon 1 kritisch seit 72 Tagen (Schwelle Rot: über 60), 4 hoch |
| Anbieter | Rot | 3 von 4 hohen Systemen beim selben Modellanbieter; der Kundenservice-Assistent hat keine Alternative. 6 von 7 Anbietern mit Zugriff auf vertrauliche Daten mit aktuellem Nachweis |
| Risikobeurteilung | Gelb | Hohe Klassen 4 von 4, übrige 17 von 19 (89 %); ein Auslöser seit 35 Tagen unbearbeitet (Schwelle Gelb: über 30) |
| Tests | Gelb | 3 von 4 Systemen der hohen Klassen in den letzten 12 Monaten getestet; das vierte vor 14 Monaten |
| Drift und Qualität | Gelb | 19 von 23 Systemen mit Basislinie (83 %); 2 Überschreitungen der tolerierten Grenze |
| Vorfälle | Grün | 3 Vorfälle (tief bis mittel), 1 Beinahe-Vorfall; Eindämmung im Median nach 5 Stunden |
| Kontrollwirksamkeit | Grün | 34 von 36 geprüften Kontrollen wirksam (94 %) |
Rot: Massnahmenblöcke. Die drei roten Punkte sind zugleich die Top-3-Risiken des Quartals.
| Feld | Inventar | Befunde | Anbieter |
|---|---|---|---|
| Ursache | Mitarbeitende installierten eine Browser-Erweiterung mit KI-Funktion; eine Meldepflicht war nicht bekannt | Das Entwicklungsteam war bis September durch ein Release gebunden; die Massnahme wurde erst spät begonnen | Das Modell wurde ohne Ausstiegsanforderung beschafft; der Vertrag enthält keine Rückfalloption |
| Sofortmassnahme (erledigt) | Erweiterung am 24.09.2026 per Richtlinie gesperrt; betroffene Datenarten festgestellt | Schreibrechte der Tools des Assistenten am 18.09.2026 entzogen; Aktionen nur noch mit Handfreigabe | Modellversion vertraglich festgelegt; manuelles Rückfallverfahren beschrieben |
| Massnahme | Beurteilung durch Security und Datenschutz; Liste freigegebener KI-Erweiterungen; Meldeweg bekannt machen | Eingabe- und Ausgabefilter produktiv schalten, Nachtest durchführen | Ausstiegsplan erstellen und mit einem zweiten Modell für den Kundenservice testen |
| Owner, Frist | Leitung Security, 30.10.2026 | AI-Owner Kundenservice, 31.10.2026 (ursprüngliche Frist 15.09.2026 verpasst) | Leitung IT, 31.01.2027 |
| Erfolgskriterium | KRI «Nicht inventarisierte KI-Nutzung»: kein offener Fund mit vertraulichen Daten (Rot aufgehoben) | KRI «Kritische Befunde offen»: kein kritischer Befund über 30 Tage (Grün) | KRI «Abhängigkeit von einem Anbieter»: Plan vorhanden und Alternative benannt (Gelb), Alternative getestet (Grün) |
| Entscheid ans Board | Nutzung einschränken oder stoppen: Die Erweiterung bleibt gestoppt; KI-Erweiterungen sind nur über die freigegebene Liste zulässig | Risiko befristet akzeptieren: Weiterbetrieb mit Handfreigabe bis 31.10.2026; Akzeptant: CEO; danach Abschaltung, falls offen | Mittel freigeben: 25 Personentage für Ausstiegsplan und Test (Aufwandschätzung im Beispiel) |
| Befund-ID | B-26-020 | B-26-011 | B-26-017 |
Gelb: eine Zeile je Punkt. Das Management entscheidet.
| Bereich | Massnahme | Owner | Frist | Befund-ID |
|---|---|---|---|---|
| Risikobeurteilung | Herkunfts- und Qualitätsprüfung der neuen Datenquelle, Beurteilung aktualisieren | AI-Owner Vertrieb | 31.10.2026 | B-26-014 |
| Tests | Nachtest des vierten Hochrisiko-Systems | Leitung Security | 30.11.2026 | B-26-018 |
| Drift und Qualität | Rückfall auf die vorherige Modellversion bis zum Nachtest; Anbieter-Antwort einfordern | AI-Owner Kommunikation | 20.10.2026 | B-26-015 |
Grün: Vorfälle und Kontrollwirksamkeit, nur der Wert (siehe oben).
Nachverfolgung der Massnahmen aus dem Vorquartal.
| Massnahme aus dem Bericht Juli 2026 | Status | Hinweis |
|---|---|---|
| Meldeweg für KI-Vorfälle einführen | Erledigt und wirksam | Im Quartal 3 Vorfälle und 1 Beinahe-Vorfall gemeldet |
| Basislinien für Qualität und Drift ergänzen | Erledigt, Wirkung offen | 19 von 23 Systemen erfasst; Wirkung zeigt sich frühestens im nächsten Quartal |
| Nachtest des vierten Hochrisiko-Systems | Verspätet, eskaliert | Frist 30.09.2026 verpasst; neu 30.11.2026; Traktandum im Board (heutige Register-ID B-26-018) |
| Zentrale Protokollierung aller KI-Eingaben | Verworfen | Begründung: Datenschutz; ersetzt durch Protokollierung der Metadaten, Entscheid Risk Owner |
Messgrenzen in diesem Beispiel: Die Zahl der Vorfälle sagt nichts über nicht bemerkte Vorfälle; die Inventarquote bezieht sich nur auf erkannte Systeme. Beide Hinweise gehören ins Lagebild (Block 6).
Was die Revision
sehen will.
Berichte stützen sich auf Nachweise, die sich ohne Rückfrage prüfen lassen. Das NIST AI RMF sieht vor, dass Test- und Messverfahren, Testdaten und Werkzeuge dokumentiert sind (MEASURE 2.1) und dass interne Fachleute, die nicht an der Entwicklung beteiligt waren, oder unabhängige Prüfer an regelmässigen Beurteilungen mitwirken (MEASURE 1.3). Auf der Ebene des AI Act müssen Anbieter von Hochrisiko-KI-Systemen ein System zur Beobachtung nach dem Inverkehrbringen einrichten, das Leistungsdaten über die gesamte Lebensdauer aktiv und systematisch erhebt, dokumentiert und analysiert (Art. 72 Abs. 1 und 2). Betreiber informieren den Anbieter bei Bedarf (Art. 26 Abs. 5). Kennzahlen aus dem Betrieb sind eine natürliche Quelle für diese Daten. Zu den Werkzeugklassen gehören integrierte GRC-Plattformen; die Klasse Control und Evidence Management führt Kontrollen und Nachweise.
- Definitionsblatt: jede Kennzahl mit Formel, Quelle, Stichtag, Verantwortlichem.
- Rohdaten und Abzüge: unveränderte Exporte mit Datum, damit Werte nachrechenbar sind.
- Versionierte Berichte: jedes Lagebild mit Protokoll der Behandlung und der Entscheide.
- Befund- und Massnahmenregister: Status, Frist, Nachweis des Abschlusses.
- Änderungsprotokoll der Kennzahlen: wer wann eine Definition oder Schwelle geändert hat und warum.
- Unabhängige Prüfung: Bericht der zweiten oder dritten Linie zur Wirksamkeit der Kontrollen (ISMS-Prozess 24).
In vier Schritten
zum ersten Lagebild.
- Schritt 1: Fünf bis acht Kennzahlen wählen, Definition und Verantwortliche festlegen. Messlücken aufschreiben.
- Schritt 2: Datenquellen anbinden. Zuerst manuell erheben, dann automatisieren, wenn die Definition stabil ist.
- Schritt 3: Schwellen mit dem Risikoappetit abstimmen und von der Geschäftsleitung genehmigen lassen.
- Schritt 4: Erstes Lagebild einem Quartal lang parallel führen, danach Kennzahlen anpassen. Die Eignung der Kennzahlen regelmässig prüfen, etwa jährlich (NIST AI RMF, MEASURE 1.2; der Rhythmus ist ein Vorschlag von STOP.LI).
Schweiz: Die FINMA-Aufsichtsmitteilung 08/2024 hielt unter Kap. 2.4 (Tests und laufende Überwachung) fest, dass sie bei den Beaufsichtigten teilweise Schwächen bei der Auswahl von Performance-Indikatoren, Tests und laufender Überwachung beobachtete. Sie beurteilte, ob vorab festgelegte Performance-Indikatoren gesetzt wurden, um zu bewerten, wie gut eine KI-Anwendung ihre Ziele erreicht, ob für regelmässige Kontrollen Schwellenwerte oder andere Validierungsmethoden definiert waren und ob Veränderungen der Eingabedaten (Datendrift) überwacht wurden. Zur Überwachung gehört nach der FINMA auch die Analyse von Fällen, in denen Anwender die Ausgabe ignorierten oder änderten. Die Kennzahlen Drift und Qualität sowie die KRI zur Drift sind darauf ausgerichtet.
Kap. 2.7 (Unabhängige Überprüfung): Die FINMA beobachtete keine klare Abgrenzung zwischen Entwicklung und unabhängiger Überprüfung in allen Fällen und nur bei wenigen Beaufsichtigten eine unabhängige Prüfung des gesamten Modellentwicklungsprozesses durch qualifiziertes Personal. Bei wesentlichen Anwendungen beurteilte sie, ob die Prüfung eine objektive, versierte und unvoreingenommene Meinung zur Angemessenheit und Zuverlässigkeit des Verfahrens umfasst und ob die Ergebnisse in die Entwicklung einflossen. Im Reporting heisst das: Ergebnisse der unabhängigen Prüfung getrennt von den Kennzahlen der Entwicklung ausweisen.
EU: Für Anhang-III-Nr.-5-Systeme von Finanzinstituten kann der Plan zur Beobachtung nach dem Inverkehrbringen in bestehende Systeme integriert werden, sofern ein gleichwertiges Schutzniveau erreicht wird (Art. 72 Abs. 4 UAbs. 2 AI Act).
Die 4T2 Solutions GmbH, Herausgeberin von STOP.LI, unterstützt beim Aufbau eines Kennzahlensets und einer Berichtsseite für KI-Sicherheit. Ausgangspunkt ist eine konkrete Entscheidung oder ein kontrollierter Pilot.
- NIST AI 100-1, Artificial Intelligence Risk Management Framework (AI RMF 1.0) (NIST, Januar 2023), Abschn. 1.2.1, Funktion MEASURE
- Verordnung (EU) 2024/1689 (AI Act), Art. 26 Abs. 5, Art. 72 (konsolidierte Fassung 27.07.2026)
- Verordnung (EU) 2026/1744 (Digital-Omnibus KI, 08.07.2026)
- FINMA-Aufsichtsmitteilung 08/2024, Governance und Risikomanagement beim Einsatz Künstlicher Intelligenz (FINMA, 18.12.2024), Kap. 2.4 und 2.7
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