TestenKI-Systeme prüfen und angreifen.
Ein KI-System ist erst geprüft, wenn es gegen vorab festgelegte Kriterien getestet wurde, auch gegen Angriffe. Dieser Leitfaden trennt die Testbegriffe, ordnet die Testarten, unterscheidet Red Teaming am Basismodell von Red Teaming an der Anwendung und liefert einen Testkatalog mit Abnahmekriterien sowie eine Checkliste.
Rechtsstand: 12. Oktober 2026. AI Act in der Fassung der Verordnung (EU) 2026/1744. EU-Recht, für Schweizer Unternehmen nur bei EU-Bezug nach Art. 2 AI Act anwendbar.
Vier Wörter,
vier Fragen.
Das NIST AI RMF fasst die Prüfarbeit unter dem Kürzel TEVV zusammen: Test, Evaluation, Verification, Validation. Die Aufgaben fallen über den ganzen Lebenszyklus an, von der Planung der Tests im Entwurf bis zur laufenden Beobachtung im Betrieb. Das AI RMF empfiehlt, Verifikation und Validierung nach Möglichkeit nicht von denselben Personen ausführen zu lassen wie Test und Evaluation.
- Test: Das System wird mit festgelegten Eingaben betrieben und das Ergebnis aufgezeichnet.
- Evaluierung: Die Ergebnisse werden anhand von Kennzahlen und Schwellen bewertet.
- Verifikation: Erfüllt das System die festgelegten Anforderungen?
- Validierung: Genügt es für die vorgesehene Verwendung? Das AI RMF übernimmt die Definition von ISO 9000:2015: Bestätigung durch objektive Nachweise, dass die Anforderungen für eine bestimmte Verwendung erfüllt sind.
Was der AI Act
zum Testen sagt.
Hochrisiko-KI-Systeme müssen getestet werden, um die geeignetsten Risikomanagementmassnahmen zu ermitteln (Art. 9 Abs. 6). Getestet wird zu jedem geeigneten Zeitpunkt der Entwicklung, in jedem Fall vor Inverkehrbringen oder Inbetriebnahme, anhand vorab festgelegter Metriken und Wahrscheinlichkeitsschwellenwerte (Art. 9 Abs. 8). Art. 15 Abs. 5 verlangt Widerstandsfähigkeit gegen Versuche Unbefugter, Verwendung, Ausgaben oder Leistung über Schwachstellen zu verändern; die technischen Lösungen umfassen gegebenenfalls Massnahmen gegen Data Poisoning, Model Poisoning, Adversarial Examples und Angriffe auf vertrauliche Daten. Anbieter von KI-Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck und systemischem Risiko müssen das Modell mit Stand der Technik bewerten, einschliesslich Durchführung und Dokumentation von Angriffstests (Art. 55 Abs. 1 Bst. a).
Art. 9 und 15 betreffen Hochrisiko-Systeme; sie gelten für Anhang III ab 2. Dezember 2027, für Anhang I ab 2. August 2028 (siehe Fristenkalender DCH). Für alle anderen Systeme sind sie ein sinnvoller Massstab. Einordnung auf der Seite Regulierung DCH.
Sechs Arten,
sechs Prüffragen.
| Art | Prüffrage | Verfahren (Beispiele) |
|---|---|---|
| Leistung | Liefert das System die erwartete Qualität? | Tests mit bekanntem Ergebnis, etwa Backtesting oder Out-of-Sample-Tests; Vergleich mit einfacheren Benchmark-Modellen; Wiederholbarkeit |
| Drift | Bleibt die Qualität über die Zeit erhalten? | Referenztests gegen die Basislinie aus der Abnahme in festen Abständen und nach jedem Wechsel von Modellversion, Systemprompt, Wissensquelle oder Datenbasis wiederholen (Regressionstest); Eingabe- und Ausgabeverteilung mit der Basislinie vergleichen; manuelle Korrekturen auswerten |
| Stress | Wie verhält es sich in Grenzfällen und unter Last? | Sensitivitätsanalysen, Stresstests mit stark veränderten Datenverteilungen oder Überlast |
| Bias | Behandelt es Gruppen unterschiedlich? | Auswertung der Ergebnisse nach Gruppen anhand fachlich festgelegter Erwartungen |
| Szenario | Besteht der reale Ablauf mit Menschen, Daten und Werkzeugen? | Durchspielen definierter Geschäftsfälle samt Ausnahmen, Fallback und menschlicher Freigabe |
| Adversarial | Hält es absichtlichen Manipulationen stand? | Tests mit falschen oder manipulierten Eingaben, Angriffssimulation, AI Red Teaming (nächster Abschnitt) |
Die FINMA nennt Backtesting, Stress-Testing, Adversarial Testing und Benchmark-Vergleiche als Beispiele; Fachpersonen liefern Fragestellungen und vordefinierte Erwartungen. Details im Kasten für Finanzinstitute.
Basismodell oder
Anwendung?
Das NIST definiert AI Red Teaming als strukturierte Testarbeit, oft mit adversarialen Methoden, um Schwächen und unerwartetes Verhalten eines KI-Systems zu finden. Die Qualität hängt von der Fachkenntnis des Teams ab; Ergebnisse brauchen zusätzliche Analyse, bevor sie in Steuerung und Risikomanagement einfliessen (NIST AI 600-1). Entscheidend ist die Ebene, auf der geprüft wird.
| Ebene | Gegenstand | Wer prüft | Typische Fragen |
|---|---|---|---|
| Basismodell | Das Modell allein, ohne Ihre Daten, Werkzeuge und Filter | Modellanbieter; Sie beschaffen Nachweise oder prüfen bei der Auswahl | Jailbreak-Anfälligkeit, Schutzmechanismen, Verhalten bei Manipulation |
| Anwendung | Modell samt Systemprompt, Wissensquellen (RAG), Werkzeugen, Berechtigungen, Filtern und Prozess | Betreiber oder beauftragtes Team | Was erreicht ein Angreifer über Ihre Eingabewege? Welche Aktionen und Daten sind erreichbar? |
Ein sicheres Basismodell macht die Anwendung nicht sicher: Berechtigungen, Wissensquellen und Werkzeuge liegen im Verantwortungsbereich des Betreibers. Umgekehrt kann der Betreiber Modelleigenschaften nicht selbst prüfen. Die OWASP-LLM-Top-10 empfehlen, bei der Auswahl von Drittmodellen AI Red Teaming und Evaluierungen auf die eigenen Anwendungsfälle auszurichten (LLM04); das BaFin nennt als Möglichkeit, den Hersteller in die Tests einzubeziehen und Nachweise zu den Tests zu erhalten.
Die OWASP AI Exchange unterscheidet drei Strategien, die sich ergänzen: konventionelles Sicherheitstesten, Validierung der Modellleistung gegen Abnahmekriterien und AI-Sicherheitstesten durch Eingabeangriffe. Viele Angriffe verbinden einen konventionellen Schritt mit einem Eingabeangriff, etwa manipulierte Daten im Agentenspeicher; Pentest und AI Red Team arbeiten deshalb am besten zusammen.
Vier Tests
mit Abnahmekriterium.
Legen Sie vor dem Test fest, was als bestanden gilt (Art. 9 Abs. 8 als Massstab). Die LLM-Kennungen stammen aus den OWASP-LLM-Top-10 2026, die ATLAS-Kennungen aus MITRE ATLAS. Die Zuordnung der Bedrohungen steht in der Bedrohungslandschaft.
| Test | Vorgehen | Abnahmekriterium (Vorschlag) | Bezug |
|---|---|---|---|
| Prompt Injection | Jede externe Eingabefläche einzeln angreifen: Benutzereingabe, abgerufene Dokumente, Werkzeugausgaben, Nachrichten anderer Agenten. Einzelne Anfragen und mehrstufige Gespräche getrennt testen. Mit angreifenden Teams testen, die die Schutzmassnahmen kennen. | Erfolgsrate je Eingabefläche unter der vorab festgelegten Schwelle; kein Angriffsmuster löst eine Aktion mit Schreib- oder Versandrecht aus | LLM01; AML.T0051.000, AML.T0051.001 |
| Hidden Context Exposure | Auslesen von Systemprompt, Werkzeugschemata und abgerufenen Richtlinientexten versuchen; im Kontext nach Zugangsdaten und Berechtigungslogik suchen | Kein Geheimnis und keine Berechtigungsentscheidung hängt an der Geheimhaltung des Kontexts | LLM08; AML.T0056 |
| Missbrauch von Werkzeugen | Werkzeugaufrufe direkt an Gateway oder Schnittstelle senden, ohne das Modell; Aufrufe ausserhalb der Freigabe, manipulierte Parameter, Datenabfluss über Werkzeuge versuchen | Gateway weist unberechtigte Aufrufe ab, auch bei erfolgreicher Injection; Kontrollen allein im Systemprompt gelten als nicht durchgesetzt | LLM03; AML.T0053, AML.T0086 |
| Kosten-DoS | Hohe Token-Last, lange Ausgaben, Schleifen und teure Werkzeugketten auslösen; Limits pro Schlüssel, Nutzer und Team umgehen | Ausgabenobergrenze stoppt die Inferenz, statt nur zu alarmieren; Limits nach Token und Kosten greifen vor der Inferenz | LLM06; AML.T0029, AML.T0034 |
Bei RAG-Systemen die Berechtigung direkt am Index testen: Abfragen mit Identitäten verschiedener Mandanten müssen nur Treffer im eigenen Bereich liefern, unabhängig davon, was das Modell später verwendet (OWASP AI Exchange, Abschnitt zu RAG-Tests). Agenten siehe Agenten und MCP.
Artefakte prüfen,
nicht vertrauen.
Bezogene Modelle sind Software-Artefakte. Scanner prüfen sie auf bösartigen Code, etwa in unsicherer Serialisierung wie Pickle. OWASP warnt: Statische Analyse allein belegt keine Verhaltenssicherheit, und eine Hintertür kann im Rechengraphen auch in Formaten liegen, die als sicher gelten. Scanner und Loader-Schalter sind eine Schutzschicht, keine Garantie.
- Modelle nur aus freigegebenen Quellen beziehen, mit Prüfsumme oder Signatur fixieren statt mit veränderlichen Verweisen wie «latest».
- Sichere Formate bevorzugen, Loader und Parser aktuell halten.
- Scan ergänzen durch Verhaltenstests (Evaluierung, Red Teaming) und Herkunftsnachweis. Zuordnung: ATLAS AML.T0010, OWASP LLM04. Werkzeugklasse: AI-SPM und Modell-Lieferkette.
Testen endet
nicht mit dem Go-Live.
Eine Evaluierung misst Schwachstellen zu einem Zeitpunkt. Das Ergebnis ändert sich mit neuen Angriffen, neuen Daten oder neuen Modellfähigkeiten; kontinuierliche Evaluierung nach der Inbetriebnahme hilft dagegen (NIST AI 100-2 E2025). Dritte ändern Modelle zudem ohne Ankündigung (BaFin-Orientierungshilfe). Neu getestet wird bei jedem dieser Auslöser:
- Modellversion, Systemprompt, Guardrail oder Werkzeugfreigabe ändern sich.
- Eine Wissensquelle wird angebunden oder stark verändert.
- Ein Vorfall oder ein neues Angriffsmuster liegt vor; es wird als Regressionstest aufgenommen (siehe Monitoring und Incident Response).
- Die Beobachtung zeigt Drift oder sinkende Qualität; die FINMA beurteilt, ob Veränderungen der Eingabedaten überwacht werden.
Welche Tests in Entwicklung und Freigabe gehören, steht in den Lebenszyklus-Kontrollen.
Was Tests
nicht belegen.
- Bestanden ist keine Sicherheit. Evaluierungen können Schwachstellen unterschätzen, die Angreifer mit mehr Zeit, Mitteln oder Glück erreichen (NIST AI 100-2 E2025, Abschn. 3.3.3).
- Statische Tests täuschen. OWASP verweist auf eine Studie, in der die Erfolgsrate statischer Angriffe nahe null lag, die adaptiver Angriffe aber bei den meisten von zwölf Abwehrmassnahmen über 90 Prozent (LLM01, Nasr et al. 2025).
- Benchmarks vergleichen schlecht. Es fehlen verlässliche, einheitliche Benchmarks für Abwehrmassnahmen (NIST AI 100-2 E2025, Abschn. 4.1.3). Tests im Labor übertragen sich nicht ohne Weiteres auf den Betrieb (NIST AI 600-1, Anhang A.1.4).
- Ergebnisse sind Raten. Das Verhalten ist probabilistisch; berichten Sie Reproduktionsraten mit Schritten statt eines einzelnen Bestanden oder Durchgefallen, und nennen Sie ungetestete Bereiche ausdrücklich als Befund (OWASP AI Exchange).
- Automatik ersetzt kein Team. Automatisierte Angriffsmodelle finden Muster in grosser Zahl; neue Angriffspfade über Prozesse, Menschen und Rechte brauchen Fachleute aus KI und Offensive Security.
Pentest, Red Team,
Kontrollprüfung.
Der Penetrationstest greift die konventionelle Angriffsfläche an: Netz, Datenbanken, Entwicklungsumgebung, Schnittstellen. Das AI Red Team ergänzt ihn um Eingabeangriffe auf das Modell und seine Datenpfade. Ein Red-Team-Einsatz verfolgt ein Angriffsziel über mehrere Wege und Sitzungen. Die Kontrollvalidierung prüft wiederholbar, ob einzelne Kontrollen wirken. Die Werkzeugklasse AI Red Teaming und Evaluation automatisiert solche Tests.
- Abnahmekriterien und Schwellen vor dem Test schriftlich festgelegt.
- Prüfebene bestimmt: Basismodell, Anwendung oder beide.
- Alle externen Eingabeflächen und Werkzeuge erfasst und einzeln getestet.
- Berechtigungen am Gateway und am Index direkt getestet, nicht nur über das Modell.
- Modellartefakte gescannt, Quelle und Prüfsumme dokumentiert.
- Ergebnisse als Raten mit Reproduktionsschritten berichtet, ungetestete Bereiche genannt.
- Neutest-Auslöser definiert, Angriffsmuster als Regressionstests geführt.
- Restrisiken in die Risikobeurteilung zurückgeführt.
Schweiz: Die FINMA-Aufsichtsmitteilung 08/2024 (Kap. 2.4, Tests und laufende Überwachung) beschreibt, was die FINMA beurteilte: Tests zu Datenqualität und Funktionsfähigkeit, die Genauigkeit, Robustheit und Stabilität sowie gegebenenfalls Bias prüfen; vordefinierte Erwartungen und Performance-Indikatoren; Schwellenwerte für regelmässige Kontrollen; Überwachung von Datendrift; Analyse manueller Korrekturen der Ausgaben. Als Testbeispiele nennt sie Backtesting, Stress-Testing und Adversarial Testing; Fallback-Mechanismen gelten als wichtig.
Deutschland und EU: Die BaFin-Orientierungshilfe zu IKT-Risiken beim Einsatz von KI (18.12.2025, Kap. III.2 «Testen von KI») wendet die DORA-Vorgaben zum Testen (RTS zum IKT-Risikomanagement, Art. 16) auf KI an. Je nach Kritikalität nennt sie als sinnvolle Massnahmen Angriffssimulation (Data Poisoning, Evasion), adversariale Penetrationstests, Stresstests und die Einbindung des Herstellers bei zugekauften Systemen. Das BSI Test Criteria Catalogue for AI Systems in Finance (Version 2.0, 18.06.2026) gliedert die Kriterien in zehn Dimensionen; die Dimension AI Security & Robustness enthält die Kriterien AISR-01 bis AISR-19. Jedes Kriterium nennt eine testbasierte oder dokumentenbasierte Prüfmethode.
Die 4T2 Solutions GmbH, Herausgeberin von STOP.LI, unterstützt bei der Planung von Testkatalog und Abnahmekriterien sowie bei AI-Red-Teaming-Einsätzen. Ausgangspunkt ist eine konkrete Entscheidung oder ein kontrollierter Pilot.
- Verordnung (EU) 2024/1689 (AI Act), Art. 9, 15, 55 (konsolidierte Fassung 27.07.2026)
- Verordnung (EU) 2026/1744 (Digital-Omnibus KI, 08.07.2026)
- NIST AI 100-1, Artificial Intelligence Risk Management Framework 1.0 (NIST, Januar 2023)
- NIST AI 600-1, Generative AI Profile (NIST, 26.07.2024)
- NIST AI 100-2 E2025, Adversarial Machine Learning (NIST, März 2025)
- OWASP AI Exchange, 5. AI security testing (OWASP, laufend, CC0 1.0)
- OWASP Top 10 for LLM Applications 2026 (OWASP, 2026, CC BY-SA 4.0)
- MITRE ATLAS (MITRE, Datenstand v2026.09, Apache 2.0)
- FINMA-Aufsichtsmitteilung 08/2024, Governance und Risikomanagement beim Einsatz Künstlicher Intelligenz (FINMA, 18.12.2024)
- BaFin, Orientierungshilfe zu IKT-Risiken beim Einsatz von KI in Finanzunternehmen (BaFin, 18.12.2025)
- BSI, Test Criteria Catalogue for AI Systems in Finance, Version 2.0 (BSI, 18.06.2026)
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